Finis terrae

Ich zögere kurz: stelle ich die Frage so oder so: „wo ist Ende Gelände?“ oder „wann ist Ende Gelände?“

Erstere scheint leichter zu beantworten: da, wo die Grenze gezogen ist.

Immerhin, so fällt auf, es war keine Grenze, bevor sie gezogen wurde. Grenzen sind nicht einfach „da“, a priori, sie werden gezogen. Errichtet. Aufgestellt.

Oder? Auf ersten Blick hat ein Kiesel am Meeresstrand genau bestimmbare Grenzen. Auf den zweiten Blick wirft die Bestimmung der Kieselgrenze gewisse Schwierigkeiten auf, messtechnische, aber auch zeitliche: wann genau, zu welcher Zeit hat der Kiesel diese Form und wie lange schon und noch?

Wie viel komplizierter die Bestimmung von Grenzen am Lebendigen: wo beginne „ich“, wo endet das „Andere“?

Also wende mich der Frage zu: „Wann ist Ende Gelände?“ – „Wenn es mir zu bunt wird!“

Dieser grobe Hieb kann bisweilen not-wendig werden, weil, ja weil nicht leicht bestimmbar ist was der Fall ist. Bis das gründlich untersucht wäre, wäre die Frage unentschieden entschieden vom Sensenmann und ich wäre nicht mehr unterscheidbar.

Also grenze ich vorläufig alles, was das Bestehen meines Seins begrenzt als NICHT-ich aus, selbst wenn ich mir selbst dabei eine künstliche Grenze aufrichte, mittendurch quer.

Und doch erscheint sie so natürlich: das, was ich will, nenne ich ich und mein, das was ich nicht will, nenne ich fremd und Feind. Und da, an der Grenze, wo beides zusammenfällt – in der Luft, die ich atme, zum einfachen Beispiel, die mich grenzt, ein- und ausströmend mich erhält, blende ich mich und weiß es nicht mehr.

„Ich benenne mich und mein, also bin „ich“. Am Anfang war das Wort, sage ich, wohl wissend, da war „ich“ noch nicht, am Anfang vor den Worten, und das Wort schied Himmel und Erde.

Weil das sogenannte, frisch aus der Taufe gezogene „ich“ künstlich ergrenzt ist, fühle ich darum, wie angreifbar „ich“ bin und sinne auf Schutz; bedenke, wie ich das „Andere“ besänftige, das ich böse nenne, das fortan mir grollt, wie ich im Stillen fürchte, tief innen-draußen vor der Tür.

„Hey, “ sage ich dem Anderen. „Lass uns einig werden. Ich nenn dich Du, und lass uns der Zeichen Richter sein.

Ich Fuchs, du Gans, so nenn ich’s: gut, du nennst es: schlecht.

Und fortan soll jedem Wort ein Aber beigesellt sein, das glühende Schwert, das fein und feiner die Welt in Begriffe scheidet auf sehnsüchtiger Suche nach dem Einen ungetrennten. Am Ende vom Gelände ist Nichts ohne sein Gegenteil der Fall.

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